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Anmeldedatum: 07.02.2008 Beiträge: 47
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Verfasst am: 01.08.2008, 21:55 Titel: Melanotan und PT141 |
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Text ist ein Auszug aus dem Buch "Manneskraft reloaded - Der Potenzpillen-Guide", Abdruck mit freundlicher Erlaubnis von FTW Publishing. Vielen Dank!
| Zitat: | Von Melanotan I-II zu Bremelanotid
Um diese Substanzen kursieren derartig viele Missverständnisse in den Diskussionsforen,
dass wir uns einmal die gesamte Entwicklungsgeschichte näher betrachten müssen. Der
geistige Ursprung dieser drei Substanzen liegt bei einem Forscherteam von der University
of Arizona um Mac Hadley (Biologe), Norman Levine (Krankenhausarzt), Robert Dorr
(Pharmakologe) und Victor Hruby (Chemiker). Diese Gruppe wird auch das „Arizona-Team“
genannt und ist in den USA führend bei der Erforschung der Melanocortine zu kommerziellen
Zwecken (Beginn ca. 1985). Die Melanocortine sind Pepdithormone, die im
Hypothalamus und/oder in der Hypophyse gebildet werden:
• Melantropin, auch „Melanozyten stimulierendes Hormon“ genannt (MSH), auf
geteilt in α-MSH, β-MSH und γ-MSH,
• Adrenocorticotropin (ACTH).
Die Melanocortine MSH und ACTH aktivieren die Melanocortinrezeptoren (MC1R-MC5R) und
vermitteln ihre Wirkung über diese weiter. Einem Mythos zufolge gab die brennende Sonne
Arizonas den Ausschlag für das Entwicklungsteam, nach einer Hautkrebsprophylaxe zu forschen.
Bei dem synthetischen melanocortin-analogen Melanotan I (MT-I) handelt es sich
um ein lineares Peptid. Dies ist eine chemische Verbindung aus verschiedenen
Aminosäuren. Die Aminosäuren werden auf eine bestimmten Art (z. B. linear, zyklisch) und
Reihenfolge (Sequenz) zu einer Kette angeordnet und werden durch Carbonsäureamide
miteinander verknüpft. Das „Ausgangsmaterial“ von MT-I war das natürliche α-MSH mit der
Primärstruktur:
• Ac-Ser-Tyr-Ser-Met-Glu-His-Phe-Arg-Trp-Gly-Lys-Pro-Val-NH2
Aus dieser Sequenz „schnitt“ das Arizona-Team zwei Aminosäuren heraus und ersetzten
diese; damit war das synthetische MT-I erschaffen:
• Ac-Ser-Tyr-Ser-Nle-Glu-His-DPhe-Arg-Trp-Gly-Lys-Pro-Val-NH2
Melanotan I ist ein α-MSH Agonist und verfügt über eine verstärkte Bindung an MC1R (kontrolliert
die Hautbräunung) und eine längere Plasmahalbwertzeit als die natürliche Variante.
MT-I stimuliert die Pigmentproduktion (Melanin) in den Pigmentzellen (Melanocyten) der
Haut. Der künstlich erhöhte Melaningehalt bietet einen verstärkten Schutz vor den
Auswirkungen der UV-Strahlung und soll so das Hautkrebsrisiko senken - mit dem netten
Nebeneffekt, dass man knackig braun wird. Die Firma Clinuvel Pharmaceuticals Ltd. (vorher
EpiTan Ltd.) vermarktet Melanotan I (CUV1647) bzw. seit 2008 unter dem Freinamen
Afamelanotide. Es ist nicht in der BRD zugelassen. Robert Dorr wurde damals als Berater
und Anteilseigner (Shareholder) von EpiTan Ltd. genannt, zusätzlich haben er und Mac
Hadley Lizenzgebühren (royalties) erhalten. Dies ist kein offenes Geheimnis, sondern wird
explizit erwähnt und transparent vom Arizona-Team bzw. der University of Arizona gehandhabt.
Das Arizona-Team forschte weiter an MT-I, das nun als Prototyp für ein weiteres synthetisches
Peptid diente. Die Kette vom linearen Peptid MT-I wurde verkürzt und in ein zyklisches
(c) Peptid verändert:
• Ac-Nle-c(Asp, His, DPhe, Arg, Trp, Lys)-NH2
Das Resultat erwies sich als noch potenter als sein Prototyp (MT-I) und wurde auf den
Namen Melanotan II (MT-II) getauft. Nach präklinischen Tests an Hasen und anderen
Nagern begann man in klinischen Studien der Phase I MT-II an einer geringen Zahl menschlicher
Probanden zu testen. Aufgrund eines Unfalls bei den Tests von MT-II stellte sich heraus,
dass Melanocortine einen Einfluss auf die menschliche Sexualität haben. Mit den
gewonnenen Daten versuchte das Team, MT-II kommerziell zu nutzen, doch kein Hersteller
wollte es haben. Eine eventuelle Zulassung soll auch von vorne herein ausgeschlossen
gewesen sein; die FDA winkte bei Anhörungen wohl schon auf Basis der wenigen gewonnen
Daten ab. MT-II hat einfach eine zu gewaltige Bandbreite an Nebenwirkungen!
Irgendwie bahnte sich dann MT-II doch als so genannte „Barbie Drug“ einen illegalen Weg
auf den freien Markt; mit der Folge, dass die FDA über das angeschlossene „Safety
Information and Adverse Event Reporting Program“ eine Warnung aussprach. Darüber hinaus
mahnte das „Department of Health and Human Service“ (FDA, NO District) eine Firma
ab, die MT-II in den USA vertrieb (2007). Wer also meint, MT-II zu missbrauchen, sollte sich
vor Augen führen, dass es sich um eine Substanz handelt, der schon aufgrund der präklinischen
Tests an Nagern und einiger weniger Menschen in Phase-I-Studien die Zulassung
prophylaktisch von der FDA versagt wurde.
Doch dies war nicht das Ende der Fahnenstange, den Amerikanern wird ja gerne eine gewisse
Risikobereitschaft, was Geschäfte angeht, nachgesagt. Im Fall von Palatin Technologies
Inc. aus New Jersey scheint sich dies zu bestätigen. Der Molekularbiologe und Präsident der
damals 20-köpfigen Firma, Carl Spana, sicherte sich gewisse Rechte an MT-II. Palatin
Technologies Inc. hat zu diesem Zweck Lizenzgebühren (royalties) an Robert Dorr und Mac
Hadley gezahlt. Nun konnte die Laborleiterin von Palatin Technologies Inc., Annette
Shadiack, und ihr Team die Entwicklung unter dem Projektnamen PT141 aufnehmen. Das
Entwicklungsteam ersetzte in einem Zeitraum von ca. sieben Jahren die Amidgruppe (NH2)
von MT-II durch eine Carboxyl-Terminus-Gruppe (OH) und schalteten auch die ungewünschten
Wirkungen (Bräunungseffekt, Appetitunterdrückung) bzw. Nebenwirkungen, die
MT-II untragbar gemacht hatten, aus:
MT-II
• Ac-Nle-c(Asp, His, DPhe, Arg, Trp, Lys)-NH2
PT141
• Ac-Nle-c(Asp, His, DPhe, Arg, Trp, Lys)-OH
Diese Veränderung von MT-II und die darauf folgenden Tests führten laut Berichten dazu,
dass PT141 firmenintern nur noch „Passion“ (Leidenschaft) genannt wurde. Was ist bei den
Tests geschehen? Nun, man verabreichte „Passion“ weiblichen Ratten, die durch den
Käfigaufbau entscheiden konnten, ob sie Sex haben wollten oder nicht. Daraufhin sollen die
Tiere schier ausgeflippt sein und nur noch „gerammelt“ haben. Nach der Auswertung aller
präklinischen Tests ging man an menschliche Testobjekte. Laut inoffiziellen Berichten sollen
die männlichen und weiblichen Probanden den Prototypen als Nasenspray erhalten haben.
Nach der Anwendung soll es umgehend gewirkt haben, und die Frauen sollen geradezu
„übermannt“ worden sein von der Lust nach Sex. Ein männlicher Proband, der als „Test
Subject 041“ bezeichnet worden ist, soll auf die Frage wie er die Qualität seiner Erektion
auf einer Skala von eins bis fünf bewerte, mit einer „six“ geantwortet haben. Das hört sich
natürlich alles zu schön an, um wahr zu sein. Aber wenn einer ehemals 20-köpfigen Firma
von Investoren (u.a. Banken) 150 Millionen US-Dollar (Stand 2006) bewilligt werden, muss
da schon was dran sein! Betrachten wir mal die bisherigen Aussagen, Beobachtungen und
Daten von Revolverblättern, angesehenen Magazinen, Fachzeitschriften, Palatin
Technologies Inc. und unabhängigen Instituten, in denen klinischen Studien (I-III) durchgeführt
wurden:
• Der Metabolit von MT-II namens P141, alias „Passion“ und nun Bremelanotid,
wird gerne als Medikament für Frauen vermarktet. Bremelanotid wirkt aber
bei beiden Geschlechtern. Dieses Vorgehen ist eine Marketingstrategie, hier
wird lediglich ein ganz neuer Markt erschlossen.
• Bremelanotid ist ein Melanocortin Agonist, der MCR3 und MCR4 im ZNS zu
stimulieren scheint.
• Probanden beider Geschlechter berichten nach der Einnahme über eine
gesteigerte Libido und sind begeistert.
• Manche Studien kommen zu dem Schluss, dass Bremelanotid neben der
gesteigerten Libido bei Frauen zusätzlich zu einer verstärkten Durchblutung
im Vaginalbereich führt.
• Bei Männern scheint sich Bremelanotid laut einiger Studien zusätzlich für die
Behandlung von gemischten Formen der ED (psychogen, organisch) zu eig
nen.
• Bremelanotid in Kombination mit PDE-5-Hemmern zeichnet sich als hochgra
dig effektiv ab bei manchen Formen der ED.
• Die Nebenwirkungen schienen noch Anfang des Jahres 2007 so unerheblich
zu sein, dass Bremelanotid in allen Studien als sehr gut verträglich bezeichnet
wurde; dies bei Dosen von 0,3 mg-20 mg.
Die einzige Übereinstimmung, die ich bei allen Darstellungen wiederfand:
• Eine gesteigerte Libido,
• Nebenwirkungen, die so unerheblich schienen, dass diese in den seltensten
Fällen prozentual aufgelistet wurden, lediglich „Flush“ und „stretch-and-yawn
response“ werden namentlich erwähnt.
• begeisterte Probanden beider Geschlechter.
Ich komme zu meiner oben genannten Auflistung, da fast alle der wenigen klinischen
Studien von Palatin Technologies Inc. oder deren Mitarbeitern durchgeführt wurden - und
die meisten Berichte sich auf deren Daten stützten. Auch wenn ich nicht davon ausgehe, ist
damit eine Verzerrung der gewonnenen Daten und Ergebnisse gegeben. Es ist üblicherweise
so, dass Substanzen von verschiedenen, voneinander unabhängigen Instituten geprüft
werden; mit vielen unterschiedlichen Designs der Studien (z. B. Randomisierungen), um
das Risiko der systematischen Verzerrungen (Bias) herabzusetzen. Dies ist im vorliegenden
Fall jedoch nicht gegeben, daher stehe ich den Aussagen äußerst kritisch gegenüber. Dass
nur wenige unabhängige Studien vorliegen, liegt selbstverständlich nicht in der
Verantwortung von Palatin Technologies Inc., sondern ist auf die Tatsache zurückzuführen,
dass Bremelanotid schon in das öffentliche Bewusstsein durch die Berichterstattung eingegangen
ist. Es ist absolut logisch, dass, wenn man den Entwicklungszeitraum, präklinische
Tests und frühe Phasen der klinischen Prüfung von Bremelanotid berücksichtigt, Studien
von unabhängigen Instituten und deren Publikation noch ausstehen. Besonders widersprüchlich
sind auch die Meldungen, was denn Bremelanotid nun sei: ein „Libidomittel“, ein
„Potenzmittel“ oder vielleicht beides? Mir kommt es bei einigen Meldungen und Aussagen,
die ein „Potenzmittel“ sehen, so vor, als ob etwas fehlinterpretiert wurde. In klinischen
Studien (auch vergleichend) wurde Bremelanotid Probanden verabreicht, die speziell mit
Viagra® unzufrieden waren und/oder bei denen es angeblich nicht wirkte (non-responder)
- mit dem Ergebnis, dass fortan Bremelanotid bevorzugt wurde. Mit einem Medikament
unzufrieden zu sein, ein anderes zu bekommen und es dann zu bevorzugen, ist die
Beschreibung einer subjektiven Empfindung und sind mitnichten empirischen Daten. Es
wird von Empfindungen - „passion“, „sexual desire“, „sexual appetite“ – gesprochen, die
mit der Libido einhergehen und nicht mit Mechanismen der Potenz. Wieso waren die
Probanden unzufrieden mit Viagra®? Wieso hat das Medikament bei einigen nicht gewirkt?
Dies wurde weder untersucht und dokumentiert, noch wurde in irgendeiner Form darauf
eingegangen. Vielleicht hatten die Probanden kein Problem mit ihrer Potenz, sondern mit
der Libido, und Viagra® konnte deshalb gar nicht wirken?
Alles schien in bester Ordnung bis sich Mitte des Jahres 2007 die Ereignisse um die entwikkelten
Melanocortine überschlugen. Die FDA stoppte das Zulassungsverfahren für P141
bzw. Bremelanotid da es bei weiteren klinischen Tests vermehrt zu Bluthochdruck bei den
Testsubjekten kam. Allerdings ließ man sich ein Hintertürchen offen indem man nun ein
Zulassungsverfahren für Bremelanotid zur Behandlung eines traumatisch hämorrhagischen
Schocks (hoher Blut- oder Blutplasmaverluste) anstrebt. Bei einer Zulassung für dieses
Behandlungsspektrum ließe sich Bremelanotid als „Second-Line“ Medikament bei Störungen
der sexuellen Funktionen und Reaktionen verwenden. Dieser abrupte Stopp des
Zulassungsverfahrens führte zu allerhand Konspirationstheorien in Richtung der Firma die
eine kleine blaue Pille vermarktet da diese zu einem Mitbewerber stilisiert wurde und deren
Produkt ebenfalls einen direkten Einfluss auf den Blutdruck haben kann. Palatin
Technologies Inc. reagierte auf diesen Rückschlag indem sie die Entwicklung eines weiteren
Melanocortins in Angriff nahmen. Unter dem internen Projektnamen PL-6983 wird an einem
MC4R Agonisten geforscht der alle Vorteile von P141 bzw. Bremelanotid vereinen soll ohne
die Auswirkungen auf den Blutdruck. |
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